Unser Alltag ist reich an unterschiedlichen Geräuschen. Einige Geräusche nehmen wir stärker wahr als andere und wir können in der Regel den Fokus unserer Aufmerksamkeit selbst bestimmen, indem wir ihn bewusst auf etwas Bestimmtes lenken. Doch für einige von uns können bestimmte Geräusche, unabhängig von ihrer Lautstärke oder auch visuelle Eindrücke sehr belastend werden und viel Leid nach sich ziehen.

Wenn sich unsere Aufmerksamkeit unbewusst, wie von alleine, auf bestimme Geräusche oder Eindrücke richtet und mit starken unangenehmen emotionalen Reaktionen einhergeht, spricht man entweder von Misophonie, selektiver Geräuschintoleranz oder verringerter Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen. Die Geräusche oder visuellen Eindrücke werden in diesen Fällen häufig als sog. „Trigger“ bezeichnet. Aus dem Griechischen abgeleitet bedeutet Misophonie etwa „Hass auf Geräusche“. Menschen mit Misophonie leiden an teilweise extremen unkontrollierbaren emotionalen Reaktionen auf bestimmte alltägliche Geräusche wie beispielsweise Essgeräusche. Auch visuelle Eindrücke, wie zum Beispiel die Beobachtung einer Kieferbewegung, können starke emotionalen Reaktionen auslösen.

Einige Betroffene verwenden spezielle Kopfhörer oder Ohrstöpsel zur Verringerung der wahrgenommenen Geräuschlautstärke. Es kann allerdings passieren, dass hierdurch das Gehör noch sensibler auf Geräusche reagiert und infolgedessen die Geräusche sogar noch intensiver wahrgenommen werden.

Diagnose der Misophonie

Die von Betroffenen beschriebenen Symptome sind nicht in den gängigen Klassifikationen der psychischen Störungen wie der DSM-V oder in der ICD-10 aufgeführt. Zudem ist der Name „Misophonie“ erst seit einigen Jahrzehnten bekannt, die Benennung erfolgte durch die amerikanischen Neurowissenschaftlern P. und M. Jastreboff. Daher kann es vorkommen, dass Fehldiagnosen gestellt werden, wenn sich Therapeuten mit diesem Störungsbild nicht auskennen.

Viele Menschen berichten, dass sie erst nach vielen Jahren des Leidens unter ihren Symptomen erfahren haben, dass ihr Leiden einen Namen hat und dass es hierfür Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Wie viele Menschen aktuell von der selektiven Geräuschintoleranz, der erniedrigten Geräuschtoleranz oder Misophonie betroffen sind, ist aufgrund der oben beschriebenen Thematik schwierig einschätzbar. Zudem gibt es relativ wenige Therapeuten, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben.

Es ist wichtig zu wissen, dass die „Misophonie“ nichts mir der ähnlich klingenden „Misophobie“ zu tun hat. Die Misophobie ist eine Angst, die sich auf bestimmte Geräusche bezieht.

Merkmale der Misophonie

Typisch für die Misophonie sind extreme, unkontrollierbare emotionale Reaktionen auf bestimmte alltägliche Geräusche oder auf bestimmte visuelle Eindrücke. Dabei geht es nicht einfach um störende, laute oder allgemein unangenehme Geräusche wie ein Quietschen von Zuggleisen, das Rauschen des Radios, ein schreiendes Baby oder das Entlangkratzen mit den Fingernägeln auf einer Schultafel.

Es geht um Geräusche, die mit unfreiwilligen, starken emotionalen Reaktionen wie beispielsweise Wut, Hass und Ekel einhergehen. Derart extreme Emotionen führen dazu, dass sich Betroffene teilweise angegriffen fühlen und denken, dass andere Menschen die störenden Geräusche mit Absicht erzeugen. Nicht selten haben Betroffene gegenüber anderen Menschen gewalttätige Gedanken, die sich meist jedoch nur im Kopf abspielen.

Auslöser der Misophonie

Die Reize oder sog. „Trigger“, die bei Betroffenen eine starke emotionale Reaktion auslösen, können sehr unterschiedlich sein.

Typische Trigger bei einer Misophonie sind die folgenden Geräusche:

  • Allgemeine Essgeräusche wie Kaugeräusche, Schmatzen oder auch Rülpsen
  • Knackende Geräusche wie beim Essen von Äpfeln oder Chips
  • Trinkgeräusche wie lautes Schlucken oder Schlürfen
  • Reden während des Essens mit vollem Mund
  • Geräusche beim Zähneputzen
  • Atemgeräusche wie Schniefen, Gähnen, Schnarchen und auch Husten, Räuspern oder Niesen


Es gibt noch viele weitere Geräusche, die betroffenen Menschen Leiden bereiten können.Die Essgeräusche als Trigger scheinen allerdings unter den Betroffenen am häufigsten verbreitet zu sein.

Bei einigen Betroffenen können sogar bereits ähnliche Geräusche die Symptome hervorrufen. Auch visuelle Eindrücke eines Triggers können starke emotionale Reaktionen auslösen.

Mögliche Folgen der Misophonie

Nach den Reaktionen auf Trigger fühlen sich Betroffene häufig verzweifelt und schuldig.

Infolge der belastenden emotionalen Reaktionen kann sich bei Betroffenen eine Abneigung gegenüber solchen Geräuschen entwickeln. Ähnliche Situationen werden häufig soweit möglich gemieden. Dies kann auf Dauer zu eingeschränkten sozialen Aktivitäten oder sogar zur sozialen Isolation führen.

Im Falle der Misophonie kann ein aggressiver Ausbruch oder eine aggressive Reaktion unkontrolliert auf eine beliebige Person gerichtet werden. Auch wenn Familienangehörige und Menschen aus der direkten sozialen Umgebung nicht selbst von der Misophonie betroffen sind, leiden sie daher häufig mit den Betroffenen mit.

Mögliche Entstehungsursachen für die Misophonie

Durch bestimmte Konditionierungen wie negative Erlebnisse kann ein unbewusster Schutzmechanismus ausgelöst werden, den wir evolutionsbedingt in uns tragen.

Auch wenn die bei Betroffenen symptomauslösende Situation keine unmittelbare Gefahr darstellt, scheinen bestimmte akustische oder visuelle Reize im Falle einer Misophonie unbewusst als Gefahr wahrgenommen zu werden, wodurch der ganze Körper in den Kampfmodus gesetzt wird.


Unbewusster Schutzmechanismus

Unser Gehirn ist sehr komplex und mit seiner Funktionalität sehr faszinierend. Es besteht aus mehreren Teilen, die sich miteinander in einer engen Kooperation befinden. Der älteste Teil des menschlichen Gehirns ist der Hirnstamm, der auch als das sog. „Reptilienhirn“ bezeichnet wird. Dieses reagiert in Gefahrensituationen mit dem Kampf- oder Fluchtmodus.

Diese Zustände sind evolutionsbedingt und überlebenswichtig.

Die Definition einer Gefahr hat sich allerdings im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert. So stellte der Angriff eines wilden Tieres früher eine häufigere und realistischere Gefahr dar als in unserem heutigen alltäglichen Leben in Deutschland. Heutzutage bedrohen auftretende „Gefahren“ nicht unbedingt unmittelbar unser Leben.

Dennoch kann heutzutage bereits ein Wort oder eine Geste genügen, um einen Menschen zu beleidigen oder eine aggressive Reaktion zu provozieren.

Für das sog. Reptilienhirn, das evolutionsbedingt bei Gefahren unser Überleben sicherstellen will, ist es egal, wo die Gefahr herkommt. Der Hirnstamm blockiert in diesem Fall das Großhirn, also den analytischen Bereich unseres Gehirns, um im Gefahrenfall eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Hierdurch folgt entweder „Kampf“ oder „Flucht“.

Als Reaktion auf einen Trigger schaltet das Gehirn bei Betroffenen in den Kampf- oder Fluchtmodus, was dazu führt, dass diese reflexartige Reaktion nur schwierig bewusst unter Kontrolle gebracht werden kann.


Emotionaler Hintergrund

Und wie kommt es dazu, dass das Gehirn zum Beispiel ein alltägliches Geräusch als Bedrohung wahrnimmt?

Hierbei können tiefliegende Konditionierungen oder Gefühle ins Spiel kommen, die aufgrund von negativen Erfahrungen im Unterbewusstsein abgespeichert wurden.

Häufig entsteht die Intoleranz oder erniedrigte Toleranz gegenüber von Geräuschen oder visuellen Eindrücken in der späten Kindheit oder in der Pubertät. Ein mögliches Beispiel ist ein am Esstisch ausgetragener Konflikt, bei dem die Wut des Heranwachsenden unbewusst mit den vorhandenen Geräuschen verknüpft wurde. So zum Beispiel mit dem Rülpsen des Bruders oder dem Schlürfen des Getränks durch die Schwester.

Diese Konditionierung kann dazu führen, dass der Betroffene künftig auf derartige Geräusche oder Eindrücke mit einer gewissen Intoleranz reagiert. Daraus folgt häufig ein Vermeidungsverhalten oder eine entstehende Aggression.Es kann sich hierbei somit um eine falsche Interpretation von Reizen durch das zentrale Nervensystem handeln.

Durch Stress, Anspannung oder aktuelle Konfliktsituationen im Alltag können die Symptome zusätzlich verstärkt werden.

Behandlung der Misophonie


Behandlung durch Hypnoanalyse

Auch wenn Betroffene wissen, dass die symptomauslösenden Eindrücke eigentlich alltäglich sind, reagieren sie trotzdem sehr stark auf sie. Da diese Reaktionen automatisch ablaufen, können sie nur schwierig bewusst gesteuert werden.

Auch die starke emotionale Reaktion auf Trigger ist ein unbewusster und automatisch ablaufender Schutzmechanismus unseres Unterbewusstseins, der aus einer Konditionierung resultieren kann.

Automatische Handlungen und Gewohnheiten werden von unserem Unterbewusstsein gesteuert. Es nimmt uns damit in der Regel eine Menge Arbeit ab. Bei Betroffenen wird dieser Schutzmechanismus allerdings durch Situationen ausgelöst, die keine Gefahr darstellen. Daher ist die Arbeit mit dem Unterbewusstsein sinnvoll.

Mithilfe der ursachenorientierten Hypnose bzw. Hypnoanalyse ist es möglich, die Ursachen bzw. den emotionalen Hintergrund dieser Reaktionen aufzudecken und anschließend damit zu arbeiten.


Aufklärung und ursachenorientierte Behandlung

Der erste Schritt sollte immer in einer Aufklärung bestehen. Es ist wichtig zu wissen, dass die Misophonie eine konditionierte Reaktion ist. Wir werden schließlich nicht mit der Misophonie geboren. Betroffene Menschen reagieren auf Trigger auf eine bestimmte Art und Weise, weil durch sie eine unbewusste Reaktion ausgelöst wird.

Anschließend sollten die Ursachen bzw. der emotionale Hintergrund aufgedeckt werden, beispielsweise durch die Hypnoanalyse.Danach ist es sehr wichtig, dem Unterbewusstsein „beizubringen“, dass durch die Trigger keine Gefahr besteht, dass somit die Schutzreaktion nicht mehr nötig und in der entsprechenden Situation überflüssig ist.